Der Tod eines Menschen erschüttert sein Familiensystem. Es stirbt ja nicht nur ein einzelner Mensch, sondern ein Teil einer Familie. Sein Tod konfrontiert die Lebenden mit ihrer eigenen Endlichkeit, wirft alle Pläne durcheinander und bringt oft ungelöste Familienthemen auf den Tisch, denen die Menschen im Alltag ausweichen. Die Angehörigen integrieren nicht nur individuell den Verlust. Sie müssen auch eine neue Balance im Umgang miteinander finden.

Heilsame Impulse können entstehen, wenn der Redner oder die Rednerin vom Familiensystem her auf den Abschied schaut und die Menschen nicht nur als Einzelne, sondern im Bezug zum Ganzen sieht.


Beziehungen sind wichtiger als Daten

Das Gespräch zur Vorbereitung der Trauerfeier stellt die Weichen. Welche Fragen stelle ich den Angehörigen? Eine Frage lautet vielleicht, wieviel Enkelkinder Frau Maier hatte? Als Antwort erhalte ich eine Zahl. Wenn ich frage, wo die Enkelkinder leben, erfahre ich, ob sie weit weg wohnen oder mit ihm Haus. Auf Sachfragen antworten die Menschen mit Sachinformationen. Die Antworten werden unterschiedlich ausfallen. Sie sagen aber nichts über die Beziehung aus. Die meisten vorbereiteten Lebensläufe orientieren sich an diesen sachlichen Eckdaten. Wenn ich nicht anders weiterfrage, gebe ich in der Trauerrede diese Eckdaten des Lebens wieder. Sachlich richtig. Aber ich erreiche nicht die Emotionen der Menschen, die für den Abschied eine viel größere Rolle spielen.

Die Fakten geben keine Auskunft über die Beziehung. Mit der sich anschließenden Frage, wie der Kontakt zu diesen Enkelkindern war, begeben wir uns auf die Beziehungsebene. Ich erfahre, ob die Großmutter sich für die Kinder interessierte, ob es aufgrund von Konflikten mit den Eltern wenig Kontakt gab, dass sich die Beziehung nicht entwickeln konnte oder die Kinder die Oma nur als alte und kranke Frau kennen.

Wenn die Kinder einmal in der Woche ihren Oma-Tag hatten, wird es viele Geschichten geben, in denen sich die Beziehung widerspiegelt. In der Trauerrede rufen die Erinnerung an eine gut gefüllte Schublade mit den Lieblingskeksen und die Ausflüge mit dem Fahrrad an den Badesee, ein Schmunzeln hervor. Gibt es kaum Beziehung, bleibt es bei den Fakten. Aber selbst diese Fakten kann ich unterschiedlich präsentieren. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: „Frau Maier hatte sechs Enkel“ oder „Frau Maier konnte sechs Enkel im Leben begrüßen“.

Mit dem Tod verändern sich die Beziehungen

In den Vorgesprächen zu Trauerfeiern stehen die Beziehung und die Veränderung der Beziehung zum verstorbenen Menschen im Mittelpunkt. Angehörige erzählen oft zu Beginn ungefragt von den Umständen des Todes. Sie beschreiben die Zeit der Krankheit und entlasten sich im Erzählen von den noch frischen Eindrücken, das Sterben miterlebt zu haben.

Aber auch die Beziehungen der Lebenden verändern sich. Familien müssen auch eine neue Balance im Umgang miteinander finden. Dieser Prozess beginnt oft schon vor dem Tod, wenn die Eltern alt werden, und die nächste Generation bestimmte Aufgaben übernimmt. Sie führt etwas fort oder beendet es. Ist der letzte aus der Elterngeneration gestorben, verändert sich das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit. Man rückt gefühlt auf, niemand ist mehr vor einem, wenn man auf den Tod blickt. Die Familie ordnet sich intern um.

Auch im Gespräch vor der Trauerfeier geht es um die Beziehungen. Wer nimmt am Gespräch teil? Mit wem wäre es wichtig, noch zusätzlich zu telefonieren, wenn er oder sie nicht kommen konnte. Wer ist beim Gespräch nicht dabei? Wenn ich danach frage, wer noch zur Familie gehört, wird oft schon spürbar, zu wem eine intensive oder konflikthafte Beziehung bestand. Das zeigt sich an Kleinigkeiten: Wenn die Ehefrau des Verstorbenen Mühe hat, die Namen der Geschwister ihres Mannes zu erinnern oder bemerkt, dass ich über die Ex-Frau und den Sohn aus erster Ehe nichts erzählen soll.

Wenn ich als Rednerin ein offenes Ohr habe für die Beziehungen, für die lauten, die leisen und die Zwischentöne, wird es meine Trauerrede verändern. Weg von den Aufzählungen eines Lebenslaufes, hin zur Würdigung der Beziehungen, seien sie einfach oder kompliziert, mit frei fließender Liebe oder voller Konflikte. Wobei ich die schwierigen Themen nicht vertiefe. Da reicht meist ein Satz wie „Es war nicht immer einfach mit ihm“. Einzelheiten einer schwierigen Beziehung gehören nicht in die Öffentlichkeit einer Trauerfeier. Heilsam wirkt hier der Raum, den die Angehörigen im Gespräch für diese Themen hatten. Die Gespräche haben für mich einen eigenen Stellenwert in der Begleitung. Sie dienen nicht nur der Materialsammlung für die Inhalte einer Rede. Hier baue ich den Kontakt zu den Angehörigen auf, der die Basis für die Trauerfeier ist.

Auch wenn ich meist von den Beziehungen innerhalb einer Familie spreche, gibt es immer mehr Menschen, die in Wahlfamilien gelebt haben. Für machen ist das Netzwerk von Freundinnen und Freunden emotional viel näher, als die Herkunftsfamilie. Manchmal führt das zu der Frage, wer wo in der Trauerhalle sitzen wird. In den Stuhlreihen bilden sich Beziehungen ab. Menschen suchen im Raum den für sie passenden Platz. Manche setzen sich um, weil es für sie zu nah oder zu weit weg ist. Andere winken bestimmte Menschen zu sich, weil sie neben ihm sitzen wollen. Wenn eine noch lebende Person nicht anwesend sein kann, wird dieses Fehlen schmerzhaft oder spannungsvoll wahrgenommen.

Lebende und Tote sind miteinander in einem gemeinsamen, zeitlosen Raum verbunden

Es geht im Abschiedsritual um die Beziehungen, der Lebenden zu dem oder der Verstorbenen, der Lebenden untereinander und zum Transzendenten. Die Trauerfeier markiert einen
kritischen Übergangsmoment. Sie führt den lebenden Mitgliedern der Gemeinschaft die
Bedeutung des Einzelnen und der Gruppe vor Augen. Sie rührt in der Seele an Größeres. Der Begriff Feier verweist darauf, dass das Zusammenkommen anlässlich des Todes eine punktuelle Verdichtung und ein Wendepunkt ist.

In der Trauerfeier ist spürbar, dass der oder die Verstorbene noch ganz gegenwärtig ist. Die Trauernden befinden sich in einem inneren Dialog. Die eigene Lebendigkeit wird bewusst, weil der tote Mensch sichtbar und greifbar in Gestalt des Sarges mit dem Leichnam oder der Urne mit der Asche des Körpers vor einem steht. Manchmal wird der oder die Verstorbene direkt angesprochen, so als trenne der Tod nur scheinbar. So heißt das moderne memento mori: „Du bist tot, ich lebe noch ein bisschen, zu meiner Zeit komme ich auch“. Das Wissen um die eigene Endlichkeit ist das Band, das Tod und Leben in ein größeres Ganzes fügt.

Diese bleibende Verbundenheit ist grundlegender als jedes Verhalten, wie Menschen ihre Beziehung gestaltet haben. Auch diejenigen, die vergessen oder als böse ausgeklammert wurden, haben eine wichtige Bedeutung für die Lebenden. Die schmerzhaften Erfahrungen belasten die Lebenden. Sie sind ein unsichtbares Band. Wer dem Unerlösten in sich Raum gibt, kann erleben, dass sich in der bleibenden Verbundenheit des „Du bist tot, ich lebe noch ein bisschen“ Frieden einstellt.

Diese Ausführungen sind nicht als Belehrung in einer Trauerfeier gedacht, sondern beschreiben die mögliche Haltung des Redners oder der Rednerin um Umgang mit den schwierigen Beziehungsthemen in einer Familie.

Das Ehren der Toten bringt für die Lebenden das Leben

Viele Menschen sind heute ohne inneren Orientierungsrahmen mit dem Tod konfrontiert. Innere Orientierung kann die Einbettung in die eigene Familie geben und in das Größere, das über die Individuen der eigenen Verwandtschaft hinausgeht und das besonders in der Begegnung mit dem Tod spürbar wird.

Der Tod ist kein individuelles Geschehen. Jeder Mensch ist eingebunden in verschiedene Zusammenhänge. Das ursprünglichste System ist die Herkunftsfamilie. Die eigene Familiengründung ist eine Erweiterung dieses Systems. Ebenso kann ein Heim, eine Wohngruppe, eine Station in einem Krankenhaus, ein Verein unter systemischen Gesichtspunkten betrachtet werden.

Der Tod eines Menschen ist eine Erschütterung im System. Sei es das Familiensystem oder die Gruppe, in der ein Mensch gelebt hat. Ein Mensch, der stirbt, verlässt seinen Körper, im System bleibt er erhalten. Der Status aller Beteiligten verändert sich. Das kann auf eine gute Weise erfahren werden. Dann geht von den Verstorbenen eine Kraft aus und im Innern kann das Bild entstehen, dass der oder die Verstorbene liebevoll auf die Lebenden und das Leben schaut. So kann aus der Trauer die Kraft kommen, sich wieder dem Leben zuzuwenden.

Einladung zum Seminar

Mit einem Blick auf das Familiensystem an die Trauerrede heranzugehen und dazu ein Genogramm zu nutzen ist ein machtvolles Werkzeug, um zutreffend über den verstorbenen Menschen und unterstützend zu den Trauergästen zu sprechen. Dazu habe ich ein Seminar entwickelt, zu dem ich dich herzlich einlade.

Du lernst eine Herangehensweise – die systemische Sichtweise – kennen, die zu einer inneren Haltung wird. Das kann dir helfen, mit besonderen Todesfällen, komplizierten Gesprächssituationen und vermeintlichen Pannen umzugehen. Man braucht etwas Übung, um das Familiensystem aufzuzeichnen, ohne auf die Übersicht der Symbole und Prinzipien schielen zu müssen.

Im Einzelnen geht es in dem Seminar darum

  • den systemischen Ansatz für deine Arbeit nutzbar zu machen
  • den Umgang mit dem Genogramm zu üben
  • mit Patchworkfamilien oder unübersichtlichen Familienverhältnissen besser umgehen zu können
  • Formulierungen für schwierige Familiensituationen zu finden
  • niemanden zu vergessen, der in der Rede begrüßt oder erwähnt werden sollte

Die Erkenntnisse der Systemtheorie und von Familiendynamiken ermöglichen eine Arbeitsweise, die frei ist von Wertungen. Der systemische Ansatz ermöglicht es, einen verstorbenen Menschen über seine Lebensdaten und Interessen hinaus, innerhalb seiner Familie, seinen Prägungen und seinen Herausforderungen im Leben zu beschreiben. Im Fokus der Trauerrede sind so die Menschen in ihren Beziehungen.

Das Seminar „Familiensysteme – Mit systemischem Wissen Gespräche und Trauerreden achtsam gestalten“ findet vom 5. – 6. November 2022 in Gießen statt.

Alle Informationen und das Anmeldeformular findest du, wenn du den Button klickst.


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