Die Ungewissheit ist die treibende Kraft in Gesine Palmers Reflexionen über ihre Arbeit als Trauerrednerin. Die bleibende Ungewissheit des Lebendigen verbindet, auch wenn Menschen sehr unterschiedlich sterben und Abschied nehmen.



Kannst du nicht mal ein Buch über deine Arbeit als Trauerrednerin schreiben?

Wer als Trauerredner*in arbeitet, hört über kurz oder lang diese Frage. Gesine Palmer hat dieses Buch geschrieben. Es ist nicht das erste Buch eines Trauerredners, doch es zeichnet sich durch einen eigenen Charakter aus, ist tiefgründig und liest sich mühelos. Sie reflektiert ihre Erfahrungen als Trauerrednerin, verwoben mit persönlichen Erlebnissen. Nach mehr als tausend Trauerfeiern “fing etwas an, sich zu schreiben”, beschreibt sie die Entstehung des Buches.

Erst einmal: was dieses Buch nicht ist

Kurze, geistreiche oder witzige Schilderungen bemerkenswerter Trauerfeiern aus der Sicht einer professionellen Rednerin gäbe es genug zu erzählen. Tausend Tode könnte eine Sammlung gewöhnlicher und außergewöhnlicher Todesarten sein. Derartige Geschichten und Geschichtchen dienen der Erheiterung derjenigen, die gerne zum Sterben etwas Abstand halten. Sie sind froh, (noch) nicht betroffen zu sein und ergötzen sich gerne mit Gruselfaktor Tod an den Erlebnissen anderer. Das Buch reiht sich auch nicht ein in die Sammlungen hübscher Trostworte, in die Empörungsliteratur zu den Unsitten der Bestattungbranche oder die Ratgeber zum Umgang mit der Trauer in all ihren Facetten.

Vielleicht könnte man es am besten als einen langen Essay beschreiben. Gesine Palmer erzählt nicht, wie diese Arbeit abläuft und was sie alles schon erlebt hat. Die enthaltenen Geschichten sind aus losen Fäden realer Trauerfeiern fiktional gewebt. Wie fühlt es sich an, für eine kurze Zeit mit Menschen in Kontakt zu sein, deren Leben gerade vom Tod gewendet wird? Sie lädt ihre Leserinnen und Leser ein, gemeinsam mit ihr “ein paar Schritte in die Gegenden zu tun, die wir als Hoheitsgebiete des Todes überlicherweise vermeiden.”

Begleiterin an der Grenze zwischen Tod und Leben

Gleich zu Beginn beschreibt sie ihre Leserschaft. Jeder Mann, jede Frau, ist eingeladen, sich von ihr in diesem Grenzbereich von Leben und Tod führen zu lassen. Von einer Frau, die schon viele Male hin- und hergereist ist, zwischen den Welten des Alltags und der Planbarkeit und dem Geheimnisvollen, das geschieht, wenn sich das Bewusstsein zurückzieht.

Damit ist auch die Aufgabe beschrieben, in der sich Gesine Palmer sieht. Für den Beruf hat sich die Bezeichnung “Trauerrednerin”/ “Trauerredner” herausgebildet. Dabei ist die Rede nur eine Dimension der Tätigkeit. Die wirkliche Trauerrede und Gestaltung einer Trauerfeier kommen aus der Bereitschaft, tief in die Geschichte eines Menschen und seiner Zugehörigen einzutauchen und wieder ganz herauszukomemen. Es geht nicht um die Aneinanderreihung von Trostworten, biografischen Details und Anekdoten, um wohlfeile Worte.

Ich lese das Buch “Tausend Tode” als Kollegin, die selbst in diesem Grenzbereich unterwegs ist. Ich verfolge mit Neugier den Versuch, in Worte zu bringen, was wir da eigentlich machen. Wir Rednerinnen und Redner, die mit Tiefendimension arbeiten. Für die eine Rede aus inneren Räumen entsteht, in denen wir mit dem Ungewissen Freundschaft geschlossen haben.

Niemand würde eine Schamanin beauftragen für die Begleitung einer Trauerfeier. Der Begriff ist belegt mit Kraftieren, Geistführern, Heilarbeit, Folklore und lauter Zeug, das dem aufgeklärten Zeitgenossen suspekt erscheint. Für die Tiefendimension der Begleitung kreiert Gesine Palmer den Begriff “Schamanerei”. Denn im Kern geht es bei dieser Arbeit um Bereitschaft und die Fähigkeit, “sich in die verschiedenen Stadien des Übergangs – vom Leben mit einem lebendigen Menschen in ein Leben mit nur noch der Erinnerungen an die Verstorbenen – ” zu vertiefen und damit den Betroffenen in diesem Übergang zu helfen.

Vom Sterben eines Meeres

Der essayhafte Charakter des Buches kommt im mittleren Teil des Buches besonders zur Geltung. Gesine Palmer reist an das Tote Meer. Wer schon einmal am Toten Meer war, dem rücken die Eigenheiten dieses Ortes sofort nahe. Das Tote Meer ist ein See, unter dem Meeresspiegel gelegen, ohne Abfluss und mit kaum Zufluss. Die Hitze der Wüstenlandschaft lässt das Wasser verdunsten. Es hat einen extrem hohen Salzgehalt, was verhindert, dass dort irgendetwas gedeihen kann. Nur wenige Mikororganismen überleben. Gleichzeitig gilt es aufgrund der Luft und den mineralhaltigen Salzen als Heilungsort.

Ihre biografisch begründete Liebe zu Israel/Palästina es vermischt sich mit Beobachtungen vor Ort und Reflexionen über den Umgang mit dem Tod und der Zerbrechlichkeit allen Lebens. Wie anders stellt sich der Berliner Friedhofsbetrieb und der Umgang der Menschen mit dem Sterben aus dieser Perspektive dar. Auf die Frage, woran sie nun eigentlich glaube, gibt Gesine Palmer eine salomonische Antwort, die ihre Arbeit als Trauerrednerin widerspiegelt. Zuviel Bekenntnis und Glaubenssgewissheit sind ihr suspekt. Der Weg zum Grab und zum tiefsten frei zugänglichen Ort unserer Erde kann dennoch eine neue Glaubensweise hervorbringen. Woran, das bleibt im Ungewissen.

Gebundene Ausgabe: 150 Seiten
Verlag: PalmArtPress; Auflage: 1 (1. März 2020)
ISBN-10: 3962580417
ISBN-13: 978-3962580414
20,00 €

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