Sich zu duzen wird immer selbstverständlicher. Auf Facebook, auf Instagram, selbst im Businessnetzwerk XING sagt man Du. Brauchen wir die höfliche Anrede „Sie“ im Kontakt mit den Kunden überhaupt noch?


1. Warum das überhaupt eine Frage ist

Szene 1: In einem der Ort in der Nähe von Freiburg gibt es ein Bestatter, der mich penetrant duzt. Überhaupt ist er leicht grenzüberschreitend, sprachlich und körperlich kommt er mir zu nah. Das ist mir unangenehm. Ich sieze konsequent zurück. Er duzt auch die Angehörigen, wenn sie zu ihm kommen. Ich habe noch das Entsetzen von Angehörigen im Ohr, für die ich die Trauerrede übernommen habe in einer Trauerfeier. Sie waren bei diesem Bestatter gelandet und für einen Wechsel war es zu spät. Ihr Kommentar war: „Der kann ruhig wegbleiben bei der Bestattung. Es reicht doch, wenn Sie da sind.“

Szene 2: Ich sitze zusammen mit einer Familie am Tisch. Vater und drei junge Erwachsene, die mit mir die Trauerfeier für die Ehefrau und Mutter vorbereiten. Die Stimmung ist traurig und beschwingt zugleich. Die vier hatten einen guten Abschied und sind sehr glücklich darüber. Im Gespräch entsteht eine solche Nähe, dass der Vater mich schließlich fragt, ob wir nicht Du sagen können. Sie wollen in der Trauerfeier mit dem Vornamen angesprochen werden. Es werden viele Freunde da sein, die Gestaltung wird recht unkonventionell. Ein „Sie“ wäre zu distanziert und würde der Situation nicht gerecht.

2. Warum wir uns im Deutschen so schwer damit tun

Wir haben im Deutschen die Tradition, im geschäftlichen Kontakt zu siezen und im Privaten zu duzen. Im 18. Jahrhundert war es undenkbar, dass Kinder ihre Eltern duzen. Selbst Goethe hat seine Mutter in Briefen konsequent gesiezt. Das weist schon darauf hin, dass sich die aktuellen Gepflogenheiten entwickelt haben und sich gerade weiterentwickeln. Du oder Sie ist also nicht in Stein gemeißelt.

Das Hauptproblem bei der Umstellung auf das respektvolle Du sind die mit dem Siezen verbundenen unausgesprochenen Regeln. Der/die Ältere bietet es dem/der Jüngeren an, nicht umgekehrt. Der Schritt zum Du muss in einer Hierarchie von der höherstenden Person ausgehen. In der Schule ist das Sie ab dem 16. Lebensjahr ein Kennzeichen des Erwachsenwerdens. Es gibt das respektvolle Du, auch wenn immer wieder gesagt, dass das Du zu weniger respektvollen Verhalten einlädt, weil es einfacher ist „Du, A…“ zu sagen als „Sie, A…“

3. Es gibt Bereiche mit Du-Kultur

In den sozialen Medien gibt es nur das Du. Egal ob Facebookgruppe oder Instagramprofil, ob TikTok oder Pinterest, die US-amerkanischen Plattformen kennen nur das Du. Die Nutzer*innen kämen gar nicht auf die Idee, hier mit Siezen anzufangen. Selbst das Businessnetzwerk XING hat 2020 auf das Du umgestellt und sich damit den großen Internetplattformen angepasst. Angeblich hat eine Kundenumfrage ergeben, dass die Mehrheit das ok findet.

Wenn ich bei Ikea einkaufen gehe oder in einem dieser hippen Hotels einchecke, zucke ich innerlich immer zusammen, wenn ich auf die Du-Kultur des Unternehmens stoße und von Leuten, die meine Kinder sein könnten geduzt werde. Ich gewöhne mich langsam daran und schiebe es auf mein Alter. Ich bin aus der Generation, die noch das selbstverständliche Siezen gelernt hat, inklusive aller Regeln, wer wem zuerst das „Du“ anbieten darf.

4. Das Du ist eine Einladung

Bisher habe ich auf meiner Webseite trauerreden-campus.de gesiezt. Wenn jemand bei mir die Ausbildung macht oder sich für eines meiner Seminar anmeldet, gibt es irgendwann den Moment, in dem ich einlade, auf das Du zu wechseln. Wir arbeiten so intensiv miteinander und es wir so persönlich, dass dass es überhaupt nicht mehr geht, sich mit Sie anzusprechen. Bei den Menschen, mit denen ich in den sozialen Netzwerken verbunden bin, war es im Grunde jedes Mal ein Wechsel zurück in das unpersönlichere Sie.

In dieser Gemengelage muss also jeder seine eigenen Entscheidungen treffen. In einigen meiner Tätigkeitsfelder würde ich übel anecken, wenn ich einfach duzen würde. Dort herrscht eine Sie-Kultur und ich würde eine unsichtbare Grenze überschreiten, wenn ich mich nicht danach richten würde. Es ist immer eine Frage der Zielgruppe. In der Begleitung von trauernden Menschen, im Kontakt mit Bestattungshäusern, bei meinen Seminaren für die Friedhofsmitarbeiter oder im Rahmen eines Vortrags oder Workshops bei einer Tagung, bin ich ganz klar beim Sie. Deshalb bleiben die anderen Webseiten auch mit Sie getextet.

Wenn ich im Trauerreden Campus das Du verwende, dann ist es eine Einladung zu einem unkomplizierten und vertrauensvollen, aber keinesfalls respekt- und distanzlosem Umgang. Der Newsletter, die Downloads in den Onlinekursen, die Seminare, das alles stelle ich in der nächsten Zeit auf einheitlich auf das Du um. Ich berate und begleite in einer sehr vertrauten und persönlichen Weise. Im individuellen Einzelkontakt beim Coaching bleibe ich beim Siezen, wenn das gewünscht wird. Wenn es zu unangenehmen Situationen kommt, spreche ich das Thema an. Ich glaube, das ist ein gangbarer Weg.

5. Das Du in Trauerreden

Im Kontakt mit trauernden Angehörigen sieze ich recht konsequent. Auf meiner Webseite für den Bereich Trauerreden empfange ich die Menschen mit „Sie“. In seltenen Fällen, in der Regel dann, wenn die Initiative zum Du von den Angehörigen ausgeht, wechsle ich dorthin. Manchmal entsteht eine solche Nähe, dass ich den Vornamen und Sie wähle, um nicht ständig die Nachnamen zu wiederholen. Ich habe schon erlebt, dass ein Witwer im Gespräch mit mir beim Sie war, mich nach der Trauerfeier mit Du angesprochen hat, und im Telefonat eine Woche späterwieder beim Sie war. Also bleibe ich locker und höre, spüre und stelle mich auf den Wechsel ein.

In Bezug auf die verstorbene Person, spreche ich diese nur mit Du an, wenn die direkte Anrede im rituellen Kontext stellvertretend die Trauernden ist. Ansonsten spreche ich in der dritten Person über den/die Verstorbene/n. Das Du ist Ausdruck der Beziehung und bleibt den Wortbeiträgen von Familie und Freunden vorbehalten.


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